Orchideen kennt man mit großen bunten Blüten aus dem Gartenmarkt. Heimische, wild wachsende Orchideen haben eher kleine, aber nicht minder hübsche Blüten. Eine üppig blühende und zugleich imposant wachsende Art ist die Bocks-Riemenzunge (Himanthoglossum hircinum), die stattliche 30 bis 100 Zentimeter erreichen kann. Sie blüht im Mai und Juni an Böschungen, Gebüschsäumen, Weinbergrändern, auf Magerrasen, extensiv genutzten Wiesen und Obstwiesen bevorzugt auf warmen, kalkhaltigen Böden.
Ihren Namen verdankt die Orchidee der Blütenform und ihrem Geruch, der vorwiegend nachts verströmt wird und an den eines Ziegenbocks erinnert. An Blüten kann die kegelförmige Staude bis zu 100 tragen, die sich über einen Zeitraum von etwa zwei Wochen alle öffnen. Sie haben helmartig aufgerollte Blütenblätter und eine bodenwärts abstehende, riemenartige, bis zu sechs Zentimeter lange Lippe, die gerollt oder gewunden sein kann. Die Blüten werden gerne von Hummeln und Wildbienen besucht, die für die Bestäubung sorgen. Jede Riemenzunge blüht maximal vier- bis fünfmal, bis ihre Energiereserven erschöpft sind und sie eingeht. Aus diesem Grund kann die Zahl der Orchidee an einem Standort erheblich schwanken. Nach der Blüte reifen im August die Kapselfrüchte, aus denen sich jahrelang keimfähige Samen entleeren. Zum Keimen benötigen die Samen einen Wurzelpilz, der ihnen Nährstoffe bereitstellt.
Auch wenn die Riemenzunge kalte Winter und Spätfröste schlecht verträgt, weitet sie seit den 1990er Jahren im Zuge der Klimaerwärmung ihr Areal vom Südwesten nordwärts bis zu einer Linie Nordeifel-Thüringen aus. Aufgrund dieses Trends wurde die besonders geschützte Pflanze von vielenRoten Listen genommen. Baden-Württemberg und Bayern waren und sind Verbreitungsschwerpunkte, in denen sie zerstreut und in wechselnder Häufigkeit vorkommt. Starke Bestandsschwankungen sind normal.
Im Mai und Juni ist die oft in lockeren Gruppen wachsende Bocks-Riemenzunge aufgrund ihrer Wuchsform eine auffällige Pflanze, die man in den genannten Lebensräumen entdecken kann. Auch bei ihr gilt wie bei allen geschützten Pflanzen: Anschauen immer, abpflücken nie. Und beim Fotografieren bitte auf benachbarte Exemplare achten, um sie nicht zu zertreten.
Dr. Stefan Bosch
Ohne KI recherchiert und formuliert.