Wenn ein Vogelgesang den nahenden Frühling ahnen lässt, dann ist es der der Misteldrossel (Turdus viscivorus). Ihre kurzen, weithin hörbaren flötend melodiösen Strophen erinnern an die der Amsel. Im Februar und März klingen sie fast etwas verloren in Wäldern und baumreichen Landschaften, wenn die anderen Vogelarten noch weitgehend schweigen. Äußerlich wirkt die Misteldrossel mit ihrer schwarz gefleckten hellen Unterseite wie eine Singdrossel. Im Vergleich ist sie jedoch deutlich größer, hat einen längeren Schwanz, einen kräftigen Schnabel, ein gemustertes Gesicht und sitzt auffallend aufrecht. Im wellenförmigen Flug bringt es die größte Drossel Europas auf knapp 50 Zentimeter Spannweite.
Misteldrosseln sind Waldvögel, die in Nadel- und Mischwäldern leben. Obwohl sie häufig und weit verbreitet sind, sieht man sie eher selten, da sie nicht wie die Singdrosseln exponiert auf Baumwipfeln sitzen und singen. Ab Februar bis in den August brüten Misteldrosseln in hohen Bäumen. In einem mit Flechten bedeckten und Lehm ausgekleideten Nestnapf liegen vier Eier, die zwei Wochen lang bebrütet werden. Zu ihrer Nahrung zählen Regenwürmer, Insekten, Beeren und Früchte. Da viele Misteldrosseln ganzjährig bei uns bleiben und im Winter nicht alle nach Südeuropa abwandern, nutzen sie gerne zusammen mit anderen Drosseln das Fallobst auf Obstwiesen. Wie der deutsche und lateinische Artname andeuten sind auch die weißen Beeren der Misteln eine beliebte Winternahrung. Manche Misteldrosseln verteidigen sogar hartnäckig „ihren“ Mistelbusch gegen Artgenossen. Da die klebrigen Samen an Schnabel und Beinen haften bleiben tragen die Beerenkonsumenten zur Verbreitung der Misteln bei. In den letzten Jahren hat sich die Laubholzmistel bei uns im Südwesten erheblich ausgebreitet und schädigt viele Obstbäume. Auch wenn deshalb zur Reduktion des Mistelbefalls in Obstbäumen aufgerufen wird, entstehen den Misteldrosseln keine Nachteile. Da sie flexibel eine breite Palette an Früchten und Beeren fressen und viele Mistelbüsche in anderen Baumarten unerreichbar weiterwachsen, besteht kaum eine Gefahr, dass sie wegen fehlender Mistelbeeren verhungern. Daher können beim noch anstehenden Obstbaumschnitt die Misteln bedenkenlos entfernt werden.
Dr. Stefan Bosch, Februar 2026